Blick 04/22

Blick in die Literatur

In den Zeiten vor dem Aufkommen der Motorisierung, als Pferde noch ein unabkömm licher Teil der Arbeitswelt waren, wogen züchterische Fehlentscheidungen ungemein schwer. Das„Denken in Generationen“ war deshalb nicht nur ein hehrer Vorsatz, sondern akute Notwendigkeit. Die deutsche Zucht lag vor allem in Norddeutschland hauptsäch lich in bäuerlicher Hand, wobei auf manchem Hof ein Stutenstamm seit Generationen in der Familie war und wie ein Augapfel gehütet wurde. In dem von dem Schriftsteller Arthur-Heinz Lehmann (1909–1956) herausgegebenen Buch „Das Glück dieser Erde“ (1949) gibt es davon eine lebendige Schilderung: „In den Photoalben der Familie sind neben den Bildern von Vätern und Großvätern die Bilder der alten Stammstuten ein- geklebt. Da sind im Hoyaschen wie im Kehdingschen, in Lüneburgischen Landen wie im Lande Wursten Bauernfamilien, die durch einen Zeitraum von über hundertfünfzig Jahren den Stammbaum ihrer Mutterstuten neben dem Stammbaum ihrer eigenen Vor fahren nachweisen. Und oft mag es vorkommen, daß ein Bauer auf einer Stute zur Deck station reitet, auf deren Urmutter sein Urvater den gleichen Weg vor hundert Jahren geritten ist.“ Eine Gelegenheit, die deutschen Landespferdezuchten in seltener Vollständigkeit zu stu dieren, bot 1910 die DLG-Ausstellung in Hamburg, auf der Pferde aus allen deutschen Zuchtgebieten ausgestellt wurden. Der Hippologe Gustav Rau (1880–1954) lieferte auf dieser Grundlage mit „Die deutschen Pferdezuchten“ (1911) ein Werk, das die ein zelnen Zuchten eingehend analysiert und mit den Pedigreestudien der ausgestellten Pferde einen einmalig detaillierten Überblick über den Status quo der deutschen Pfer dezucht zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt. Das ist umso interessanter, als es den heutigen „Einheitswarmblüter“ noch nicht gab: Pferde aus unterschiedlichen Zuchten unterschieden sich in Exterieur und Rassetyp noch sehr deutlich voneinander. Zu die ser Zeit war das Zuchtziel in den meisten Zuchten ein mittelschweres Warmblut mit je nachdem höherem oder niedrigerem Vollblutanteil, ein vielseitiges Gebrauchspferd. So definiert beispielsweise die Hannoversche Stutbuchgesellschaft das Zuchtziel um 1900: „Ein Pferd, geeignet für die Truppe, Kürassiere und Artilleriestangenpferde, auch mittle rer Karossier mit guten regelmäßigen und schaffenden Gängen sowohl in der Trabbewe gung als auch im Galopp. Ein gutes Temperament, ein guter Magen. Blut muß mit Masse in richtiger Verbindung stehen. (...).“ Ins Schwärmen gerät Gustav Rau bei den auf der DLG ausgestellten hannoverschen Halbblutstuten, die dem sehr nahekommen: „Das sind die mächtigen, untersetzten Kastenstuten, bodenständig, robust, Pferde voll enormer Masse, Breite und Tiefe, auf starken, korrekten Säulen von Beinen und Gelenken. Trotz ihrer Masse bewegen sie sich leicht und frei, zeigen viel Nerv und Schneid, wenn sie ‚ ge weckt‘ werden.“ Gustav Rau, Hans Joachim Köhler, Christian Freiherr v. Stenglin: Chronisten der Landespferdezuchten

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