Blick Haltunsgheft

Blick in die Literatur

Die Anforderungen an einen für Pferde geeigneten Stall haben sich über die Jahrhun- derte bis in die neuere Zeit an sich wenig geändert – auch wenn sie oft nicht umge- setzt wurden. Georg Engelhard von Löhneysen (1552–1622) widmet in „Della Caval- leria“ von 1624 der Beschaffenheit des Stalles ein ganzes Kapitel, wobei er immer wieder auf die Notwendigkeit einer guten Belüftung hinweist: „Zum andern / sol er trucken und nicht daempffig seyn / darzu hilfft wol / wenn er eine durchgehende Lufft hat / die an diesem Ort hoch noetig ist / denn wenn die Lufft nicht durch gehen kann / so kann es nicht fehlen / es mus ein Stall daempfig seyn / welches den Pferden sehr schaedlich ist.“ Früher wie heute ist dies dort, wo es darum geht, Pferde buchstäblich„gesund zu halten“ eine der grundlegenden Voraussetzungen beim Bau von Ställen. Bei der Anlage von Gestüten lag das Hauptaugenmerk mehr noch auf der Beschaffen- heit der „Scholle“, also den für die Zucht von Pferden günstigen Bodenverhältnissen. Jede Pferderasse ist ein Produkt ihrer Scholle, die letztlich den Phänotyp und die ent- sprechenden Rassemerkmale entscheidend mitbestimmt. Soll also eine Rasse in ihrer ur- sprünglichen Form gezüchtet werden, muss auch die Scholle der ursprünglichen glei- chen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Bundesgestüt Piber in der Steiermark, wohin nach dem ersten Weltkrieg die Lipizzaner aus ihrem Stammgestüt Lipica im heutigen Slowenien umgesiedelt wurden. Die Wahl fiel auf Piber, weil dort mit den kargen, steini- gen Karstböden dieselben Bedingungen wie in Lipica gegeben sind, wo die iberischen Pferde, welche die Grundlage der Lipizzanerzucht bildeten, ideale Bedingungen vorfan- den. Der portugiesische Reitmeister Manoel Carlos de Andrade (1755–1817) nennt in seinem alle Aspekte von Reiterei und Pferdehaltung umfassenden Werk „Luz da Libe- ral“ (dt. „Die edle Kunst des Reitens“) von 1790 den Grund dafür, warum edle, harte und leistungsfähige Pferde wie die iberischen nur auf kargen Böden gedeihen: „Trockene und feine Fohlen, die auf kargen, doch reichlich Futter bietenden Böden aufgezogen werden, haben im Allgemeinen in den Bewegungen ihrer Schultern mehr Ausdruck und Freiheit als diejenigen, die auf feuchten, schlammigen und flachen Feldern aufwachsen. (…) Die Pferde Hollands belegen das, was ich sage, sehr wohl. Sie werden sehr groß und sind massiv und eindrucksvoll. Da sie aber auf schlammigen und flachen Feldern mit über- reichlichem Futterangebot aufwachsen, sind sie außerordentlich schlaff, haben schlech- te Hufe, (…) sind recht unempfindlich und stumpf und es fehlt ihnen daher an Nerv und Lebendigkeit.“ Neben der Scholle spielt Bewegung bei der Aufzucht und Haltung von Leistungspferden seit jeher eine Hauptrolle, wie Siegfried Graf Lehndorff (1869–1956) , der einzige preu- ßische Landstallmeister, der mit Neustadt/Dosse, Graditz und Trakehnen drei Hauptge- stüte geleitet hat und eine Institution in Sachen Pferdezucht war, sehr wohl wusste. In Graditz führte er im Hinblick auf die Aufzuchtbedingungen der dort gezogenen Vollblü- ter effektive Verbesserungen ein, wie er in „Ein Leben mit Pferden“ (1956) berichtet: „Die Jährlingsweiden, die ich in Graditz vorfand, waren noch dieselben, die man bei Begrün- dung des Vollblutgestüts nach altem Muster angelegt hatte. Da sie nach heutigen Be-

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